Kassenärztliche Vereinigung schenkt Patienten Kindle!

01_GhostwritingModerne Zeiten verlangen moderne Vorgehensweisen.

Gerade erfuhr ich, dass die kassenärztliche Vereinigung jetzt allen Kassenpatienten zum neuen Jahr ein Kindle schenkt. Hintergrund ist der zunehmende Unmut vieler Kassenpatienten über die ewig langen Wartezeiten in überfüllten Wartezimmern. Mit diesem Geschenk sollen Kassenpatienten beruhigt werden. Die Kosten dafür werden allerdings vom Budget der Ärzte abgezogen, aber diese sind einverstanden, weil es ihnen 1.) weniger genervte Patienten einbringt und 2.) sie das geringere Budget mit noch weniger Zeit für ihre Patienten kompensieren. Den Patienten fällt es nicht auf, weil sie sich an den kostenlos herunter geladenen Klassikern erfreuen oder sich im Wartezimmer gegenseitig Ratschläge geben können.

Nein, gucken Sie mal, der Kindle hat keinen Touchscreen.

Da können Sie nicht mit ihren Fingern drauf herumfummeln, da bewegt sich nichts. Da müssen Sie … Schon beginnt die schönest Kommunikation.

Ja, aber meine Enkel, die fidschen immer mit ihren Fingern so ganz schnell auf ihrem kleinen Dingsda, also diesem I-irgendwas, wie heißt das noch, da können die sogar gucken, wie die Hauptstadt von Deutschland heißt, Viele wissen das ja gar nicht mehr.“ Kopfnicken (wir befinden uns bei einem Internisten, der bekanntlich immer die etwas älteren Semester hat). Früher, finden wir alle, war ohnehin alles viel besser.

Ja,  das ist aber hier kein Smartphone, sondern ein Kindle.

Damit kann man Bücher lesen, sagt der Besserwisser (natürlich ein Mann in den 80ern).

Bücher? Auch diese Zeitschriften? Das fände ich gut, sagt eine rüstige 75jährige. Die Frau dahinten hat sich nämlich alle „Frau im Bild“ genommen, das finde ich nicht gut, die hatte ich noch nicht gelesen, da ist doch die Frau von diesem  Guttenberg…. Kann man die auch auf diesem, wieheißtdasnoch…? Auch so schön bunt?

Nein, sagt jetzt ein kerngesund aussehender 50er. Bunt nicht, aber das liegt daran, dass eben die Amerikaner und das Großkapital versuchen, uns durch geschickte Werbung an einen großen Konzern zu binden, Amazon eben, und deshalb jetzt auch diesen EReader ganz billig oder sogar kostenlos auf den Markt werfen..

Werfen? fragt die 80jährige erschrocken. Geht das denn nicht kaputt? Mein Seniorenhandy ist mir neulich runtergefallen, also da konnte ich dann die AWO gar nicht mehr anrufen, der Knopf funktionierte nicht mehr, aber da kam dieser nette Mann von nebenan und hat…

Ich bin nicht bei der Awo, sondern beim Paritätischen, das finde ich besser. Und überhaupt sind die freundlicher. Die haben ja auch Mittagstisch auf Rädern, das schmeckt bei denen auch und da hat man dann alles zusammen, das Essen und eben für den Notfall, den Herzinfarkt…

Soll der Herr Doktor doch auch mal warten.

Vom Eingangstresen brüllt es „Frau Dörner, bitte in Zimmer 2!“ Frau Dörner, die 75jährige programmiert sich gerade die Telefonnummer des 80jährigen in ihr Seniorenhandy. Und Donnerstags habt ihr immer Sitztanzen? Um 16:00? Da komme ich gerne. Sie wirft ihm einen neckischen Blick zu. der 80jährige errötet und setzt sich aufrecht hin. Ich hole Sie ab. Mit dem Rollstuhl ist es ja nicht weit, ich habe jetzt einen elektrischen. Sie strahlt.

„Frau Dörner!!! Zimmer 2!!“ tönt es vom Empfangstresen.

Meint die mich? Frau Dörner guckt genervt. Nun soll die auch mal ein bisschen warten, sonst sind wir es immer. Meint ihr, die haben hier bei diesem Kindle, also diesem, na ihr wisst schon, kann man da auch Bücher drauf lesen, die man in einer Buchhandlung nicht so gerne kaufen würde?

Alle kichern. Ja, das wäre gut. 7 graue Köpfe beugen sich über das Kindle in Frau Dörners Hand. Ein 74jähriger klickt die Seiten hin und her. Lautes Lachen. Ja, das wäre gut, Oh!! Also das… Kann ich mal sehen? Zeig doch mal. Oh Gott! Hihi. Gut, dass das mein Mann nicht weiß. Sie sind verheiratet?

Auftritt Sprechstundenhilfe mit schlechter Laune. „Frau Dörner (brüll!), ich habe jetzt schon zweimal…

Junge Frau, jetzt halten Sie mal die Klappe! Wir sind beschäftigt. Und außerdem warten wir sonst immer ewig, jetzt kann der Herr Doktor auch mal warten, sieht er mal, wie das ist. Wir haben Zeit!

Fröhliches Gelächter, alle lehnen sich entspannt zurück. Der Systemkritiker zieht sein IPad aus dem Rucksack. Wenn ihr mal etwas wirklich Schönes sehen wollt… Alle wollen.

Abgang entnervte Sprechstundenhilfe.

 

Bildnachweis © Dr. Klaus-Uwe Gerhard/pixelio.de

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